Radreise Polen: „Pommersche Seenplatte und Ostseeküste“

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Letzte Aktualisierung: 24.12.2015

Rolf Kasper u.a., ADFC Weyhe, 2005

Pommerns reiche Natur und Kultur

Ursprüngliche Natur, herrliche Strände, alte Bäder und historische Kulturdenkmäler locken immer mehr deutsche Touristen nach Polen. Für Aktivurlauber ist Polen geradezu ein Paradies. Was liegt da für die Freunde des Reisens mit dem Fahrrad näher, als in unserem großen Nachbarland, mit dem uns sogar die längste Grenze verbindet, per Velo auf Entdeckungstour zu gehen.

Die traditionsreiche Hansestadt Szcecin (Stettin) (Foto) an der Oder war Ausgangs- und Endpunkt dieser ca. 800km langen Rundreise durch die pommersche Seenplatte, dem Westen der kaschubischen Schweiz und der pommerschen Ostseeküste.

Durchzogen von den südbaltischen Landrücken wird diese Region Pommerns und Kaschubiens häufig mit der Schweiz verglichen, Erhebungen bis zu 250 Meter halten dem Vergleich zwar nicht Stand, aber dem mit Gepäck beladenen Radler können diese Gory (Berge) auch schon mal die Puste nehmen. Dagegen bietet die Ostseeküste sanftes Terrain, ausgedehnte weiße Sandstrände, großartige Dünen und steile Klippen. Hier tummeln sich zuhauf polnische Urlauber und zunehmend auch Kur- und Badefreunde aus Deutschland, denn Kuren hat in fast allen polnischen Ostseebädern schon lange Tradition.

Von den 9.300 polnischen Seen größer als 1 Hektar, welche überwiegend eiszeitlichen Ursprungs sind, befinden sich die meisten im Norden Polens. Eine der größten Seenplatte ist neben der masurischen die pommersche Seenplatte. Dort liegen auch ein Reihe sehenswerter Kleinstädte und Ortschaften, manchmal schon mit hübsch restaurierten Altstadtteilen.

Unsere erste Etappe führte uns nach Stargard, eine der ältesten Städte Polens, mit sehenswerten Bauten der typischen Backsteingotik. Herausragend sind hier das Rathaus und die dreischiffige Marienkirche zu nennen, s. Foto.

Republik Polen

Einwohner: ca. 39 Mio
Fläche: 323 250 qkm
Haupstadt: Warschau
Nationalitäten: Polen 98,7%, Ukrainer 0,6%, andere 0,7%.

Danach beginnt dann das eigentliche Genussradeln im Slalom um die kristallklaren Seen dieser einzigartigen Landschaft. Auf dem Weg nach Drawsko Pomorskie (Dramburg) kommt man ob dieser Eindrücke schon ins Schwärmen, Storchennester aller Orten und sogar Kraniche stolzierten hier zutraulich am Wegesrand. Beeindruckende Baumalleen verbinden kleine Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben scheint.

Weiter über Zlocieniec (Falkenburg) ging es Richtung Polczyn Zdroj (Bad Polzin). Dorthin kann man sich für zwei attraktive Routen entscheiden. Für die zu einer Fahrradroute ausgebauten, ehemaligen Bahntrasse auf ebenem und schönem Terrain, oder für eine abwechselungsreiche Hügellandschaft entlang der verschieden Seen, welche zum Baden und Pausieren einladen, wie beispielsweise der Jezioro (See) Siecino. Wir haben ein Mix von beidem genossen.

Das ehemals berühmte Heilbad Polzin (Foto) liegt malerisch inmitten von Wäldern, hat aber, abgesehen von dem 50 Hektar großen Kurpark, nicht mehr viel zu bieten. Dafür kann man aber im ansprechend restaurierten Hotel „Polunia“ (noch) für 13 €, einschließlich reichhaltigem Frühstücksbüfett, recht gut übernachten. Die reizvolle Etappe über Bialy Bor nach Miastko (Rumelsburg) ist durch Flussläufe, zahlreichen Bächen und wiederum einer Menge Seen in sehr hübscher Hügellandschaft geprägt. Besonders einladend ist hier der Jez.

Wierzchowo auf der Südseite

Die Städte dieser Region zeichnen sich zwar durch zahlreiche interessante alte Bauten und Plätze aus, aber vieles bedarf noch umfangreicher Restaurierung. Weiter nach Bytow (Bütow) reihen sich die Seen wie an einer Perlenkette aneinander. Eine Formation, die zum mäandern animiert. Der von Wald umgebene, kristallklare Jez. Piaszno ist herrlich zum Baden und für ein zünftiges Pick-Nick geeignet, P7/8. Als Meister der „Finger-Food“-Zubereitung hat sich dabei unser Mitradler Willi K. erwiesen, der es mit Freude und Geschick verstand, uns aus dem gemeinsamen Einkauf zu jeder Mittagspause eine kleine aber feine Tapa-Palette zu kredenzen.

In Bytow ist die zu einem Hotel umgebaute Burg für eine Übernachtung eine Besonderheit, Foto P9. Der Preis von 35 €/ Pers. liegt zwar deutlich über dem Durchschnitt, dafür gibt es historisches Ambiente und, wie wir es erlebten, kaschubische Tänze und Musik auf dem Burghof gratis. Nach Slupsk (Stolpe) bietet sich der Nationalpark Krajobrazowy als idyllisches Radelterrain an. Berg- und Talfahrten erfolgen hier, im Westen der kaschubischen Schweiz, im stetigen Wechsel, denn das Flüsschen Slupia (Stolpe), übrigens bei Kanufreunden sehr beliebt, schlängelt sich durch dieses Naturschutzgebiet.

Die häufig empfundene Idylle dörflichen Lebens darf allerdings nicht über die Armut der Landbevölkerung hinwegtäuschen, die junge Generation sieht hier kaum noch Zukunftschancen. Im Land der Marienverehrung suchen so besonders die Alten die Kraft im Glauben.

Die Ostseestadt Slupsk, an der alten Handelsstraße nach Danzig, ist das kulturelle Zentrum Ostpommerns. Wenigstens die Herzogsburg und die Hexenbastei sind hier eine Besichtigung wert. Im touristischen Mittelpunkt liegt der etwa 18km entfernte Hafen Ustka (Stolpemünde), hier brummt der Bär in den Sommermonaten. Weniger was für Leute die Ruhe und Entspannung suchen.

Etwas westlich hat man dann wieder kilometerlanges, tolles Strandvergnügen. Zur Weiterfahrt laden nachfolgend natürlich die Landrücken (Nehrungen) zwischen Ostsee und den Seen (Jez. Wicko, Kopan, Bukowo) ein. Militär, Privateigentümer und schlechte Wege zwingen leider zur Umfahrung. Erst am Jez. Jamno kann man Richtung Kolobrzeg (Kolberg) dieses Vergnügen in die Tat umsetzen. Vorher haben wir aber Seele und Muskulatur in Darlowo (Rügenwalde) noch eine zweitägige Erholungspause gegönnt. Ein direkt am Strand gelegenes, ruhiges Hotel mit militärischer Vergangenheit. Vor dem Umbau war es nämlich ein Militärgebäude, im 2. Weltkrieg sogar mit einer Abschussrampe für die berüchtigte deutsche V2-Rakete überlagert.

Wierzchowo auf der Südseite

Das nächste Ziel war die alte Salzmetropole Kolobrzeg, die sich in ein sehr quirliges See- und Kurbad verwandelt hat. Wir haben es vorgezogen im davor liegenden, ruhigen Badeort Ustroni Morskie zu übernachten. In Kolobrzeg lohnt aber die Besichtigung der im gotischen Stil erbauten Marienkirche und des von Karl F. Schinkel entworfenen Rathauses, Foto oben. Ins Auge fallen hier im Zentrum auch diverse schön restaurierte Bürgerhäuser, gepflegte Plätze und Passagen.

Für die Weiterfahrt von Kolobrzeg nach Kamien Pomorskie haben wir uns für die direkte Route über Trzebiatow (Treptow) entschieden, weil nach Auskünften auch in diesem Küstenbereich die Nehrungen wieder nicht durchgängig befahrbar sein sollen. Der hübsche Kurort Kamien Pomorskie ist sehr reizvoll an den Ausläufern des Stettiner Haffs gelegen und eignet sich gut für eine Übernachtung. Auf der Weiterfahrt nach Stettin bietet sich ein Abstecher über die Dzwina-Brücke nach Wollin an. Abgesehen von der Lage, hat der Ort jedoch nicht viel zu bieten. Auf ruhigen Straßen, in schöner Umgebung kommt man nach Stepnica, einem kleinen Ort mit Hafen an der hier 5 Kilometer breiten Odermündung. Hier liegt die Verlockung nahe zur anderen Seite überzusetzen und so direkt nach Stettin zu radeln – leider gibt es keine Fähre….aber Fischerboote. Also Fischer gefragt, einen gefunden, Preis ausgehandelt, Männer und Räder an Bord gehievt und ab über die Odermündung. Hatten wir die ganze Zeit bestes Wetter gehabt, setzte ausgerechnet jetzt leichter Regen ein. Angekommen auf der Westseite, öffnete der Himmel vollends seine Schleusen, so waren die restlichen 30Km bei strömenden Regen auf einer relativ stark befahrenen Straße nach Stettin der „Preis“ für die abenteuerliche Bootstour.

Eine Alternative wäre die Weiterfahrt nach Goleniow gewesen. Von hier aus kann man gut mit der Vorortbahn nach Stettin rein fahren, wenn man sich den Straßenverkehr um und in Stettin ersparen will.

Um uns die alte Hansestadt Stettin, hier mit Berliner Tor mit ihrem westlichen Flair, den Kontrasten zwischen Moderne und Historie, noch ein wenig genauer anzuschauen, haben wir hier bewusst eine Übernachtung eingeplant. Es hat sich gelohnt, eine rotmarkierte Leitlinie mit Begleitheft führt Touristen zu allen Sehenswürdigkeiten dieser geschichtsträchtigen Stadt an der Oder und unserer Endstation einer eindrucksvollen und erlebnisreichen Radreise durch Pommern.

 

Rolf Kasper

 

KOMPAKT – Polen: „Pommersche Seenplatte und Ostseeküste“

Charakteristik

Von der aufwärtsstrebenden Wirtschaftsentwicklung Polens ist im landwirtschaftlich geprägten südlichen Pommern noch wenig zu spüren. Dagegen profitiert die pommersche Ostseeküste zunehmend vom Tourismus. In der pommerschen- und westkaschubischen Schweiz bestimmen Höhenzüge bis 250 m, eine Vielzahl von Seen und Flüssen, Wälder und Auen, Felder und Heide bis hin an die Ostseeküste die Landschaft.

Reiseführer und Infos

Diverse Reiseführer sind im Angebot, geeignet sind die weniger voluminösen, z.B. von Polyglott, Marco Polo oder Trescher-Reihe „Die polnische Ostseeküste“, nicht empfehlenswert sind solche, die sich an Routenvorschläge (für Autofahrer) orientieren. Info: z.B. Länderinfo vom ADFC-Bundesverband.

Karten

Z.B. Euro Cart Polen1-1:300 000, diese Karte ist für das polnische Straßennetz ausreichend gut auch für Radreisende geeignet. Empfehlenswert sind immer die gelbmarkierten Straßen ohne Klassifizierungs-nummer. Darüber hinaus lassen sich bei Bedarf in Polen preiswert Regionalkarten erwerben.

Anreise

Hinfahrt von Bremen mit der DB-AG bis Stettin, Umsteigen in Hamburg und Bützow. Bezüglich des grenzüberschreitenden Fahrradtransports sind evtl. Besonderheiten zu berücksichtigen und zu hinterfragen. Die Fahrradmitnahme ist jedoch erfahrungsgemäß problemlos, eine Reservierung ist aber immer angeraten.

Verständigung

Es ist empfehlenswert, sich mit ein paar Vokabeln und Ausspracheregeln auszustatten. In Dörfern und Kleinstädten kommt man mit Deutsch und Englisch kaum zurecht. Der Kauderwelschsprachführer „Polnisch“ kann deshalb sehr hilfreich sein. In Bereichen der touristisch erschlossenen Ostseeküste gibt es kaum Sprachprobleme, insbesondere viele junge Polen sprechen häufig englisch und/oder deutsch.

Unterkünfte

In den meisten größeren Orten findet man Hotels und Pensionen unterschiedlichen Standards, in Urlaubsgebieten auch Campingplätze mit Hütten, Pensionen und Privatunterkünfte. Die Preise liegen (noch) bei etwa der Hälfte unserer Übernachtungskosten (was etwa auch für Essen und Trinken zutrifft).

Reiseverlauf

Szczecin-(50km*)-Stargard(1.Ü)- (85km)- Drawsko Pomerskie(2.Ü)- (65km)- Polczyn Zdroj(3.Ü)- (85km)- Miastko(4.Ü)- (65km)- Bytow(5.Ü)- 90km- Slupsk(6.Ü)- (80km)- Darlowo(7.+8.Ü)- (90km)- Ustronie Morskie(10.Ü)- (85km)- Kamien Pomorskie(11.Ü)- (85Km)- Szczcin (Stettin) (12.Ü).
*) Entfernungen von Ort zu Ort sind Ungefährangaben, in der Regel gibt es mehrere Möglichkeiten zum Ziel.

Streckenprofil

Die regulären Dorfverbindungsstraßen sind fast immer asphaltiert und wegen geringen Autoverkehrs hervorragend zum Radfahren geeignet. Die Steigungen sind in dieser Region so moderat, das sie mit typischen Reiserädern bewältigt werden können. Grundsätzlich bietet das große Netz von unklassifizierten Nebenstraßen dem Radreisenden in ganz Polen überwiegend gute, sichere und häufig sehr attraktive Radelbedingungen. Rein und raus aus den Städten bedeutet allerdings, wie überall, höhere Kfz-Verkehrsdichte.

Zeitraum u. Teilnehmer

15.August bis 26.August.
Streckenlänge ges.: ca. 800 Kilometer

Teilnehmer: Willy Dekarz (Stuhr), Wilfried Ratjen (Stuhr), Willi Klenke (Weyhe), Rolf Kasper (Weyhe).

Planung, Tourenleitung und Bericht: Rolf Kasper
Fotos: Willy Dekarz und Willi Klenke

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