Rolf Kasper und Ute Merle, ADFC Weyhe, 1999
Im südlichen Polen sind Reisende per Velo derzeit noch Ausnahmetouristen, ähnlich gilt dieses aber auch für Tschechien. Sieht man einmal von der Goldenen Stadt Prag ab, so ist dieses Land in der Mitte Europas für viele immer noch ein recht unbekannter Nachbar. Wir wollten diese Region näher kennen lernen, und möchten mit diesem kleinen Reisebericht die Neugier darauf wecken.
Schlesien
in die Radreise mit einzubeziehen hatte nicht nur persönliche Gründe,
sondern es ist auch äußerst lohnenswert und geografisch sinnvoll.
Denn zwischen Erzgebirge und Glatzer Bergland läßt sich der Gebirgszug
der Sudeten noch erträglich überwinden. Doch vor diesem anstrengenden
Part läßt Polen auch in dieser Region das Radfahrerherz höher
schlagen. Unberührte Naturschönheiten, alte Kulturdenkmäler
und meisterhaft restaurierte Altstädte. Dagegen aber auch Dörfer,
in denen die Zeit stehen geblieben scheint. Wenn man Gelegenheit hat, in einem
Dorf eine Privatunterkunft zu finden, kann man dieses noch hautnah erleben.
Herzliche Gastfreundschaft läßt den mangelnden Komfort stets schnell
wieder vergessen. Ihrer eigenen Heimat offenbar nicht ganz sicher haben die
Polen in Schlesien lange Zeit vieles dem Verfall preisgegeben. Dennoch, Kunstschätze
von Weltrang von Görlitz/Zgorzelec (unser Ausgangspunkt) bis nach Breslau/
Wroclaw.
Die
alte schlesische Metropole Breslau mit ihrer reizvollen Lage an der Oder und
ihrer Fülle an Sehenswürdigkeiten lohnt sogar einen längeren
Aufenthalt. Vieles ist im Aufbruch, der Altstadtmarkt erstrahlt bereits wieder
im alten Glanz (siehe Foto rechts). Des weiteren die Schönheiten der
Natur, die angenehme Welligkeit der Landschaft, ruhige asphaltierte Nebenstrecken
gesäumt von Alleen und Obstbäumen sowie der begleitende Reiz des
Erzgebirges und die Begegnung mit den Flüssen Elbe und Oder, das macht
das südwestliche Polen zu einem großartigen Erlebnis für den
Radreisenden.
Dass Polen uns in vielerlei Hinsicht nahe ist, macht auch eine nette Begegnung deutlich. Der in polnisch gestellten Frage nach dem rechten Weg , an einen radfahrenden Breslauer, folgte die Gegenfrage im feinsten deutsch: "Aus welcher Stadt kommt ihr denn ?"."Weyhe bei Bremen !"."Kenne ich alles, ich habe am Bremer Hauptbahnhof die Platanen gepflanzt......." Von Breslau über Dzierzoniow (Reichenbach) und dem sehenswerten Klodzko geht es dann in Richtung Tschechien verstärkt in die Pedale. Im grenznahen Kurort Cieplice Slaskie Zdroj (Bad Warmbrunn) kann man sich für den bevorstehenden Bergritt noch fit machen lassen, für ganze fünf Mark gibt es eine Super Massage im Sanatorium. Nach fast 400 km durch das reizvolle Schlesien war für uns die Stadt Nachod das erste Ziel auf tschechischem Boden. Einreise kein Problem, lediglich das polnische Schlüsselwort "prosze" (Entschuldigung, bitte, hallo etc.) heißt hier jetzt "prosim", und auch das weitere Nutzvokabular ist oft sehr ähnlich. Aber anders als wir gedacht hatten, ging es hier im auslaufenden Bereich zweier Gebirgszüge stramm zur Sache. Nun mag es ja Tourentreter geben, die selbst mit voller Beladung noch die Gipfel stürmen, wir mussten jedenfalls häufig absatteln. Ganz gleich, ob rauf oder runter, wer die Höhenzüge nicht scheut wird durch zauberhafte Landschaften und einer Fülle von Eindrücken mehr als entschädigt. Überdies gibt es Landschaften, welche mit der norddeutschen Topographie durchaus vergleichbar sind.
Tschechien ist ein Staat mit sechs Millionen Einwohnern in der Mitte Europas, und obwohl uns über 800km Grenze miteinander verbinden ist dieses Land nur geringfügig größer als Bayern. Größe liegt aber im kulturellem Reichtum und der natürlichen Vielfalt. Zahlreiche Naturschutzgebiete bieten Radreisenden noch unberührte Natur.
Wer Schlösser und Burgen mag, kann in Tschechien rund 2500 finden. So beeindruckt die Grenzstadt Nachod bereits mit der trutzigen Wachburg. Weniger beeindruckend sind hier, wie bei allen unseren östlichen Nachbarn, die typischen Plattenbauten. Überraschen hübsch fast immer die kleineren Städte, so war Nove Mestro (Neustadt) mit ihrem arkadenreichen Marktplatz spontan die Auserwählte für die erste Nacht im Land der Tschechen. Das die Reisekasse Hier noch mehr geschont wird als bereits in Polen ist natürlich auch nicht zu verachten. Anders als in Polen wirken die Dörfer sehr aufgeräumt, Vorgärten zieren fast jedes Haus. Häufig trifft man wie auch in Polen auf freundliche Menschen, die gar nicht selten mehr oder weniger deutsch sprechen. Dabei kann es einem passieren, dass man Obst, Tomaten oder Paprika als Reiseproviant in die Fahrradtaschen gestopft kriegt.
Auf
dem weiteren Weg in Richtung Süden fügen sich sehenswerte Orte und
Städte aneinander wie die Perlen einer Kette, die hier dem Lauf der Elbe
folgt. Opocno, Hradec Kralove (Königgrätz), Pardubice, Kutna Hora
und natürlich Prag. Die Hauptstadt steuert man am besten mit öffentlichen
Verkehrsmitteln an, indem man sich in gebührender Entfernung zur Metropole
einquartiert. Prag, die hunderttürmige, die auf den sieben Hügeln
erbaute Goldene Stadt an der Moldau ist ein unbedingtes Muss, wenngleich der
Massentourismus hier auch seine Schattenseiten zeigt. Zwei Tage sind trotzdem
das mindeste dafür.
Aber
Tschechien ist mehr als die "Magische Stadt", so fährt man
in Kladruby durch eine beeindruckende Gegend schöner Gestüte und
riesiger Koppeln mit unzähligen Pferden darauf. Passiert die liebevoll
restaurierten Städte Wie Pelhrimov, Jindrichuv oder Trebon. Letztere
erreicht man durch das fantastische Naturgebiet der im 12.Jh. angelegten Südböhmischen
Teiche, mit dem damaligen Ziel "Fisch für das Volk!". Der größte
dieser Seen misst sogar eine Fläche von 721 Hektar. So steht der Karpfen
hier auch heute noch auf jeder Speisekarte, und das kann ganz heimisch im
Gasthaus zum "Weißen Rössel" sein, welches hier dann
einfach "Bily Conicek" heißt. Auf dem Weg nach Ceske Budejovice,
das "Böhmische Florenz", bekannter wohl durch das Hopfengebräu
Budweiser, ist der Besuch in Hluboka (Frauenberg) mit seinem, dem englischen
Windsor, nachempfundenen Schloß ein Abstecher wert. Übrigens das
meistbesuchte in Tschechien. Ein ganz reizvoller Weg entlang der Moldau führt
den Radfahrer in das Zentrum von Budweis. Hier sollte man die 225 Stufen hinauf
zum Glockenturm nicht scheuen, um auf von seiner Säulenbalustrade einen
Blick auf den arkadenumsäumten Marktplatz zu werfen. Natürlich sollte
man sich auch den Besuch eines der alten Brauhäuser spendieren, und mal
ein-zwei echte Budweiser zu probieren.....
Eine
Perle steht einem auf dieser Route, die häufig an die Toskana erinnert,
aber noch bevor. Dort, wo die Moldau zwei große Bögen macht, liegt
mittendrin Cesky Krumlov mit der zweitgrößten Burg des Landes und
einer Altstadtkulisse, die zum Bleiben animiert. Historie, Kunst und Galerien
prägen in Krumlau einen ganz bestimmten Geist. Hier trifft man, überwiegend
aus Österreich, sicher auch die ersten Fahrradtouristen. Durch ein herrliches
Tal entlang der Moldau führt der Weg dann von Krumlau fast bis an die
Grenze zur Alpenrepublik. Von der Grenzstadt Vissy Brod aus in Richtung Linz
fordern die Böhmerwaldausläufer und das österreichische Mühlenviertel
allerdings noch einmal vollen Krafteinsatz. Entschädigt wird man aber
postwendend durch das idyllische Gusetal. Mit einer fantastischen Abfahrt
von mehr als zehn Kilometern rollt man fast bis vor die Tore von Linz. Hier
stößt man dann auf den stark befahrenen Donauradweg, der nach den
vorangegangenen Eindrücken einer solchen Radreise offenbar gar nicht
mehr so seine bekannte Wirkung erzielt. So das war´s , vielleicht hat
unser Reisebericht Sie motiviert ähnliches zu planen. Für uns war
es jedenfalls nicht die letzte Radreise in diesen Teil Europas.
Rolf Kasper und Ute Merle
KOMPAKT
Anreise:
Bahn z.B. von Bremen ohne Umsteigen nach Cottbus. Nach Görlitz weiter
mit Regionalbahn.
Einreise:
Überall problemlos, in Polen besser mit Reisepass, in Tschechien
reicht der Personalausweis.
Karten:
Geeignet z.B. EURO CART Polen-Südwest und Böhmen-Südmähren,
Maßstab 1:300 000.
Reiseführer:
Polen und Republik Tschechien z.B. von Polygott (826,752), hier findet man
auch unter anderem alle nützlichen Adressen für die Beschaffung
weiterer Informationen etc..
Unterkünfte:
Diverse Campingplätze, Jugendherbergen (nicht immer geöffnet),
ausreichend Hotels, Pensionen aller Preiskategorien und zunehmend preiswerte
Privatquartiere. Wo es keine geeignete Fahrradunterstellung gibt, nimmt
man diese problemlos mit auf das Zimmer.
Verständigung:
Minimalwortschatz für Individualreisende empfehlenswert, ein Vorteil
Polnisch und Tschechisch sind sich sehr ähnlich. Zahlreiche Leute sprechen
Deutsch und die Jugend zunehmend Englisch. Sehr hilfreich sind die Kauderwelsch-Bände
für Globetrotter.