Estland & Inseln – ein Radreise-Erlebnis zu Land und zu Wasser

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Letzte Aktualisierung: 22.06.2017

Radreiseserie: ”Zu den Neuen der EU” – Fortsetzung mit “Estland & Inseln”.

Nachdem uns Litauen und Lettland bereits 2005 eindrucksvolle Reiseerlebnisse beschert hatten, fand mit dem nordöstlichsten Baltenland ESTLAND die Radreiseserie ins Baltikum zunächst ihren krönenden Abschluss.  Die Anreise über Finnland (Bild 328) erscheint zwar etwas aufwendig, aber die kleine “Kreuzfahrt” selbst ist schon ein Erlebnis und es bietet sich dazu die Gelegenheit wenigstens Helsinki in das Reiseprogramm einzubeziehen.

Reiseroute Estland

Reiseroute Estland

Allein der prächtige Dom ist schon eine Stipvisite wert (Bild 478). In knapp 90 Minuten rauschen die Fähren von Helsinki nach Tallinn (Reval). Ist eben noch die prächtige Skyline Helsinkis im Sichtbereich, taucht von Ferne schon bald die reizvolle Silhouette der, auf einem Hügel gelegenen, Hauptstadt Estlands auf. Tallinn, eine äußerst lebendige und vielfältige Stadt mit ihrem mittelalterlichen Charme, der auch heute noch das Stadtbild prägt. Holperige Straßen, alte Handwerker- und Kaufmannshäuser, enge, verwinkelte Gassen, die ganze Altstadt mit ihren zahlreichen, erstaunlich gut besuchten, Cafes und Restaurants zieht wohl jeden gleich in ihren Bann und lohnt allemal auch einen längeren Aufenthalt.

Mit dem Gedanken am Schluss der Rundreise noch einmal nach Tallinn zurückzukehren fiel uns der Abschied nicht ganz so schwer.

Die erste Etappe führte uns in die hübsche Kleinstadt Paide, ehemals Weißenburg. Schnell wird schon in Richtung Rapla klar, dass man den verführerischen, neu installierten, EU-Radwegweisern gegenwärtig nur sehr bedingt folgen darf. Das irgendwann mal Schilder fehlen ist noch nicht das Problem, das diese Route aber ohne Ankündigung in eine kilometerlange, unbefahrbare Baustelle führen würde, das mussten wir zunächst erstmal als unangenehme Erfahrung verbuchen. Allerdings, ganz ohne Schotterpisten kommt man nicht durch die Lande, aber die fantastische Vielfalt der Natur und die zahlreichen Kleinode entschädigen für das mehr oder weniger rauhe rollen. In dem Maße wie man lernt, das estnische Straßennetz vorausschauend einzuschätzen, wächst jedenfalls auch der Radelgenuß. Das charrakteristische Landschaftsbild stellen die weiten, flachen Wiesen und Felder dar, auf denen zahlreiche Laubbaumarten, Wacholderbüsche, Kräuter und bunte Blumen blühen. (Bild 75c)

Die meisten, der knapp 1,4 millionen Einwohner, wohnen in den Städten (Tallinn 30%). Kein Wunder also, dass man auf weiten Strecken häufig kaum auf Menschen und dörfliche Ansiedlungen trifft. So waren auf dem Weg Richtung Tartu die netten Kleinstädte, wie Paide mit der Festung aus der frühen Zeit deutscher Eroberer (Bild 38 (2)), Koeru und Jögeva, immer wieder auch eine willkommene Abwechselung. Besonders reizvoll ist auf diesem Abschnitt die, dem riesigen Peipusee vorgelagerte, Seenkette zwischen Jögeva und Tartu, wobei der hübsche und touristisch interessante Ort Palamuse zum Verweilen einläd. Weiter führte uns der Weg nach Tartu, der zweitgrößten Stadt Estlands, in der angeblich auch das geistige Zentrum des Landes liegt. Prachtvolle Universitätsgebäude unterstreichen dieses jedenfalls. (Bild 46a). Tartu, mittig zwischen Paipuseee und Wirzsee gelegen, ist auf Sumpf- und Moorboden gebaut. Skeptiker meinen sogar die Stadt drohe darin zu versinken, ein krasses Beispiel mag das belegen. (Bild 41d) Über Puhja, entlang des Wirzsee und durch weites, hügeliges Land, war die ehemalige Hansestadt Viljandi unser nächstes Etappenziel. Eine malerische Stadt, eingebettet in den smaragdgrünen Hügeln der Sakala-Höhen. Richtung Pärnu reizt zwar die Fahrt durch den Soomaa Nationalpark, der Hinweis Einheimischer auf die schlechten Wege hat uns denn doch bewogen den Rauhasphalt, der meist schwach von Autos befahrenen Straßen, zu bevorzugen (Bild 38b) und über Killlingi Nömme zur schönen Küstenstadt Pärnu, zu radeln.

Pärnu, an der Pärnubucht, ist ein beliebter Badeort mit einer hübschen Altstadt mit farbigen Holzhäusern (Bild 50b), Cafes, Restaurants und mehreren Museen, u.a. ein Charly Chaplin Museum. Aber auch Unterhaltung ist hier groß geschrieben, so gehören auch Tanz-gruppen in Trachten zum Straßenbild. (Bild 56 (2)). Entlang der Ostseeküste bis zum Fährhafen Virtsu bietet sich eine ausgeschilderte Rad- route an. Wer dann aber unterwegs den, neu angebrachten, Hinweisschildern auf Badeorte folgt, wird eher enttäuscht sein. So kann Matsi beipielsweise nur noch mit verfallenen Hütten, leeren Campingplätzen, unsauberen Stränden und wenig einladenden Wasser aufwarten. Aber mit dem nahen Ziel unseres Insel-Hopings vor Augen stieg auch die Zuversicht auf erquickendes Bad in der Ostsee. Von Virtsu fahren im Halbstundentakt die Fähren (Bild 62c) rüber zur Insel Muhu (Bild 62d), welche über einen Damm mit der größten estnischen Insel Saaremaa verbunden ist. Hier war Orissaare unser erstes Ziel mit Unterkunft in einer alten Schule, welche in den Sommermonaten für alle Gäste geöffnet ist. Wenngleich es auch nicht so einfach war die Schlüsselgewaltige an einem Sonnabend auszumachen. Aber schließlich war ja hier, wie vielerorts, die Mitsommernachts-feier in voller Vorbereitung. Ein jährliches Ereignis, welches wir uns vorgenommen hatten, irgendwo mitzufeiern. Hier bot sich Gelegenheit. Ein traumhafter Abendhimmel, ein beeindruckendes Feuer und eine fantastische Stimmung an der sich Alt und Jung gleichermaßen erfreuten. (Bild 64a) Natürlich fehlte es auch nicht an Alkohol, Musik und Tanz auf der grünen Wiese. Ein schönes Erlebnis. Die Natur der Insel Saaremaa ist vielseitig und wunder schön, über 40% der Insel sind bewaldet. Viele Gebiete sind noch völlig unberührt, was wohl auch eine Folge der russischen Besetzung bis 1992 ist, selbst die Esten vom Festland benötigten damals ein Visum. Fast autofreie Wege und schwach befahrene Straßen sorgen in reizender Landschaft für echten Radelgenuß (Bild 77b) und die erwartete Gelegenheit zum Baden in glasklarem Ostseeewasser gibt es hier natürlich auch, allerdings ist das Wasser an der Ostküste so flach, das man mit einem runden Bauch auch schon mal auf Grund laufen kann (Bild 77g). Ein Highlight ist die Inselhauptstadt Kuressaare (Ahrensburg) mit ihrer gut erhaltenen Ordensburg, ehemals Besitz des deutschen Ordens. Heute ist Kuressaare ein beliebter, beschaulicher und sehr hübscher Badeort, der mit einigen SPA-Hotels bereits auch Kurgäste aus Deutschland anzieht. Im Mittelpunkt steht natürlich die imposante Festung aus dem 14. Jh., welche eine lebhafte Geschichte hinter sich hat, diese ist unter anderem recht anschaulich in dem sehenswerten Burgmuseum dargestellt ist. (Bild 83d und 89b)

Neben der Festung hat die Inselhauptstadt aber noch mehr zu bieten, einladende Plätze, Parks, historische Gebäude und einen schönen Badestrand. Wir haben zwei schöne Tage hier genossen. Auf der Weiterfahrt zur Insel Hiiumaa lohnt ein Abstecher nach Kaali, wo durch Meteoriten-einschläge in grauer Vorzeit sieben Kraterseen enstanden sind, der größte misst über 40 Meter im Durchmesser (Bild 90m). Aber auch die schöne Kirche bei Karja ist einen Schlenker wert, vor allem aber sollte man sich eine Rast bei dem interessanten Mühlenensemble in Angla gönnen. Hier gibt es auch Kleinigkeiten zu Essen und zu Trinken. (Bild 93a und 102a)

Vom Fährhafen Triigi geht es rüber nach Hiiuma, der zweitgrößten Insel Estlands. Hier gibt es nur zwei bis drei Transfers pro Tag, empfehlenswert ist also sich rechtzeitig über aktuelle Fährzeiten zu informieren. Auch Hiiumaa hat eine vielfältige Landschaft. Schöne Dünen, flach abfallende Sandstrände, raue steinige Küsten und weite, von Wacholder bedeckte, Ebenen. Reizvoll ist auch der Weg über die Halbinsel Kassari, die zu den schönsten Stellen Hiiumas gehört. Erstaunlich gering ist auf allen Straßen der Autoverkehr, der allenfalls bei Ankunft einer Fähre mal ins Auge fällt. Mit Hiiuma verließen wir das schöne Inseltrio. Vom Fährhafen Heltermaa (Bild 105a) geht es hinüber auf das Festland bei Haapsalu.

Die Stadt an der gleichnamigen Bucht hat eine hübsche kleine Altstadt mit schönen Alleen und schmalen Straßen, die von bunten Holzhäusern umrahmt sind. Geprägt wird die Stadt aber in ihrem Zentrum durch die guterhaltene Bischofsburg, welche eine lebhafte Historie aufweist und heute für sommerliche Konzerte einen würdigen Rahmen bildet. (Bild 109(2)) Von hier aus lagen noch zwei Etappen bis Tallinn vor uns, die aber auch noch nachaltige Wirkung erzielen sollten. So mußte ein aufgerissener Reifen über einer Hinterradfelge mit einem “Notverband” für den Weg bis zum nächsten Fahrraddoktor versorgt werden. (Bild 116(2)) Natürlich fordern auch Schotterpisten und Rauhasphalt ihren Tribut. Vorausetzung für solcher Art Reisen ist jedoch eine gute Fahhradbesohlung und ganz allgemein ein technisch zuverlässiges Reisegefährt. Ja, und ein intensives Mückenerlebnis gab es auch noch. Erfreut in Kulli in schönen Holzhütten mit leckerem Grillangebot, mitten im Wald, eine urige Unterkunft mit Badegelegenheit gefunden zu haben, war uns ganz entgangen das wir uns mitten in einem Sumpfgebiet befanden. (Bild 109c). Richtung Tallinn, auf ruhigen Straßen und durch abwechselungsreiche Hügellandschaft, lohnt ein Stopp in Padise zur Besichtigung der alten Klosteranlage. Und In der freundlichen Kleinstadt Keila ist das, malerisch auf einer Insel des Keila-Flusses gelegene, Gutshaus eine Besichtigung wert. Selbst wenn man sich auf Nebenstrecken der Hauptstadt nähert, der Autoverkehr nimmt erheblich zu – und zu guter letzt ist man mitten drin, im Verkehrsgewühl und in der Stadt. Wir hatten sie wieder, die erlebens- und liebenswerte Stadt Tallinn für unser zweitägiges Abschlussprogramm in Estland. (Bild 15(2), 31(2), 130d)

Zurück ging es wie gehabt, von Tallinn per Fähre nach Helsinki, mit dem Shuttlebus nach Hanko und von dort mit der Fähre nach Rostock. Ein gelungenes, schönes Intermezzo war auf diesem Wege die ausgedehnte Besichtigung Helsinkis welche man, an Hand eines bei der Touristinfo erhältlichen Routenplans, wunderbar mit dem Fahrrad machen kann. Bild 156(2)

Resüme: Eine eindrucksvolle und erlebnisreiche Radreise, welche die eine oder andere Hürde und Bürde stets schnell wieder vergessen ließ.

Rolf Kasper


 

Charakteristik: Estland ist gegenwärtig wohl das wirtschaftich erfolgreichste Baltenland. Enge Kooperation mit seinem unmittelbaren Nachbarn Finnland und anderen Ländern der EU sind die Ursachen dieses Erfolgstrends. Insbesondere für den Aktivurlauber ist Estland, wie das ganze Baltikum,     neben den zahlreichen Sehenswürdig-keiten der Städte, noch ein Naturparadies mit Möglichkeiten, denen kaum Grenzen gesetzt sind. Siehe dazu auch Kurzbeschribung oben. Allgem. Infos z.B. unter: www.adfc.de/2622_1
Reiseinfos: Hier sei der Reiseführer „Baltische Länder“ vom Michael Müller Verlag zum Preis von Euro 22,90 empfohlen. Dieser enthält, neben Übersichtkarten, ausführliche Informationen und Hinweise zu allen Baltischen Ländern mit einer Vielzahl von Telefonnummern und Adressen für die individuelle Reiseplanung.
Karten: Gut geeignet ist die strapazierfähige Karte Estland von Reise Know How im Maßstab 1:275 000 (1.Auflage 2004) zum Stückpreis von € 8,90. Eine empfehlenswerte Ergänzung ist die vor Ort erhältliche Radkarte “Eesti Rattateed” 1:410 000. Diese Beinhaltet alle in Estland ausgeschilderten und empfohlenen Radrouten und enthält u.a. Markierungen welche auf Schotterstraßen hinweisen.
Anreise: Beispielsweise mit der Bahn nach Rostock und von dort mit der Superfast-Ferry nach Hanko (FIN) und weiter, per Rad oder Shuttlebus, nach Helsinki. Von Helsinki nach Tallin verkehren die Fähren tagsüber im Zweistundentakt. Leider wurde die Direktverbindung nach Paldiski (EST) wieder aus dem Fahrplan genommen.
www.superfast.com  . Es geht aber auch schneller und direkt nach Tallinn mit dem Flieger, z.B.mit Estonia-Air von Hamburg nach Tallinn: www.estonia-air.ee oder z.B.     www.airbaltic.ee
Verständigung: Es ist ratsam sich mit ein paar Vokabeln und Ausspracheregeln auszustatten. Die beliebten Kauderwelsch-Sprachführer (Estnisch) können dabei sehr hilfreich sein. Man kann sich aber auch einen kleinen Wortschatz in Russisch aneignen, das ist zwar nicht mehr bei allen Balten so beliebt, wird aber von sehr vielen, vor allem im ländlichen Raum, gesprochen. Junge Leute sprechen in den Städten fast durchweg englisch.
Unterkünfte: In den meisten größeren Orten findet man Unterkünfte (Hotels, Gästehäuser), in Urlaubsgebieten auch Campingplätze mit Hütten, Pensionen und Privatunterkünfte. Die Preise liegen (noch)     bei ca. 15-25 Euro/ Person, das gilt natürlich nur eingeschränkt für Tallinn und andere größere Städte.
Reiseverlauf: Siehe Grafik oben und Tabelle unten. Über die Fährzeiten der Inselfähren sollte man sich aktuell informieren. Häufiger Verkehr tagsüber von Virtsu nach Kuivastu (Festland-Insel Muhu) etwa im 30-Minutentakt und von Heltermaa nach Rohukuta (Insel Hiiuma-Festland) ca. 2,5 Std-Takt.

Teilnehmer: Wilfried Ratjen, Willy Dekarz, Bodil und Ulrich Garlip, Ute Merle und Rolf Kasper.

Planung und Durchführung: Rolf Kasper ( Näheres unter www.adfc-weyhe.de )

Reisebericht: Rolf Kasper       Fotos: Willy Dekarz, Rolf Kasper

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