Interview mit Andreas Pawelzik (B90/Grüne) zu Radverkehrspolitik in Diepholz

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Letzte Aktualisierung: 22.03.2015

Michael Labott befragte unsere Ratsherren, wie sie und ihre Fraktionen den Radverkehr sehen. Heute: Andreas Pawelzik, Bündnis 90 / Grüne

A. Pawelzik

Andreas Pawelzik, Bündnis 90 / Grüne
Ratsherr im Rat der Stadt Diepholz

Das Interview führte Michael Labott (ADFC Diepholz)

1. Wann und wo sind Sie zum letzten mal mit dem Fahrrad gefahren?

Heute. Ich habe meine Tochter zur Schule gebracht und abgeholt. Uns fehlen 30 Meter zu einer Busfahrkarte. Erst ab 2 Kilometer Entfernung zur Schule wird sie vom Landkreis bezahlt. Wenn ich meine siebenjährige Tochter mit dem Kinderhänger fahre, gibt es ab und zu seltsame Kommentare. Sie sei doch kein Baby mehr. Andere Leute setzen ihre Kinder hinten ins Auto, ich setze mein Kind eben hinten in den Hänger. Außerdem sind wir so schneller als der Schulbus oder wie mit dem Auto.

2. Nutzen Sie das Fahrrad regelmäßig? Auch im Alltag?

Ich nutze das Fahrrad täglich. Zur Arbeit fahre ich mit dem Auto.

3. Wie sind Sie in Ihrer Kindheit zur Schule gekommen?

Bis zur 4 Klasse mit dem Bus. Ab der 5.Klasse mit dem Fahrrad. Das war lebensgefährlich. Wir mussten über die alte Bahnschranke an der B214. Wir sind immer auf der linken Seite gefahren, um nicht über die Bundesstrasse zu müssen. Manchmal stand aber ein Polizist da, der meinte, dies sei die falsche Seite, wir müssten auf die rechte Seite. Auch ein Schild stand da: Radfahrer müssen auf die rechte Seite. Auf der rechten Seite war ein 40 cm Asphaltstreifen abgeteilt, keine Beleuchtung, an den Schienen riesige Löcher im Asphalt, man fuhr auf Tuchfühlung mit den Lkw`s. War die Schranke auf, wartete man 10 Minuten bis man rüber konnte. War man drüben, ging die Schranke zu. An der Grafenstrasse gab es noch keine Ampel. Also nochmal warten, um wieder über die Strasse zu kommen. Sechs Jahre lang bin ich so zur alten Realschule in der Bahnhofstrasse gefahren. Meistens links natürlich. Das war auch gefährlich, wegen der Rechtsabbieger aus den Seitenstrassen.

4. Warum werden Ihrer Meinung nach viele Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht und leiden gleichzeitig an Bewegungmangel?

Wir leben in einer kinderfeindlichen Welt. Es gibt zu viele Kinder die sich nicht schmutzig machen dürfen. Ich dachte es ist ein Klischee, aber es ist so. Gerade im Vorschulalter gehören Kinder nicht vor den Fernseher und den Computer. Jeden Tag draußen spielen – mindestens 3 Stunden wäre meine Empfehlung. Der natürliche Bewegungsdrang der Kinder ergibt dann schon den Rest. Aber Kinder die draußen spielen, finden dort keine Spielkameraden, das muss organisiert werden und ist mühsam. Dazu brauchen wir auch sicherere öffentliche Wege und Strassen. Viele Eltern halten den Schulweg sicher für zu gefährlich, ich auch.

5. Es werden jedes Jahr mehr Autos zugelassen. Wie wollen Sie darauf reagieren.?

Die Südostentlastung war und ist eine überflüssige Strasse zur Förderung unnötigen Autoverkehrs. Die Grünen waren gegen ihren Bau. Sollte der Bahnhofstunnel gebaut werden, muß man ihn zumindest in eine Richtung für den Autoverkehr sperren, um Durchgangsverkehr zu vermeiden. Anstelle des Bahnhofstunnels sollte lieber eine Brücke nur für Fußgänger und Radfahrer gebaut werden.

Wenn man um das Rathaus einen zwei Kilometer breiten Kreis zieht, hat man die Stadt zu 90 % erfasst. In diesem Radius ist das Rad das schnellste und beste Verkehrsmittel. Diepholz ist die Stadt der kurzen Wege und hat die besten Voraussetzungen den Anteil des Radverkehrs zu vervielfachen. Es muss für die Menschen mehr Vorteile haben das Fahrrad zu benutzen. Die Politik muss das Rad bevorzugen. Radfahren muss sicherer werden. Die künftige Stadtenwicklungspolitik soll so sein, dass der kürzeste und schnellste Weg immer mit dem Rad zu haben ist.

6. Was haben Sie für Visionen, wie soll die Stadt Diepholz in 10 Jahren aussehen?

Im Jahr 2014 gibt es fünf grüne Ratsfrauen und –männer im Rat der Stadt Diepholz. Diepholz liegt im Biosphärenreservat Diepholzer Moorniederung. Die Landwirtschaft ist schon zu 20 % ökologisch umgestellt. Die neue, jungen Generation von Landwirten hat genug von Pestiziden. Auf gentechnisch veränderte Nutzpflanzen wird verzichtet. Der Landrat legt im Frühjahr den Grundstein zur neuen Molkerei der Firma Lebensbaum. Die ZF Lemförder baut in Eigenregie Elektrofahrzeuge. Jeder zweite Weg wird von den Diepholzern mit dem Rad zurückgelegt. In Diepholz rüstet die letzte Tankstelle auf Wasserstoff um. Es gibt keine Neubaugebiete mehr. Neubaubauten – ausschließlich in Passivhaus-Bauweise – entstehen nur noch durch Flächenrecycling.

Diepholz steht auf Platz 9 in der Solar-Bundesliga – als Niedersachenmeister. Die Bürgermeisterin eröffnet eine neue Hebammenpraxis. Hausgeburt ist der Trend der Zeit. Jede zweite Diepholzerin entbindet zu Hause. Die Waldorfschule in Diepholz steht vor der Entscheidung zweizügig zu werden. Das baufällige Gymnasium wurde 2013 abgerissen und brauchte nicht wieder aufgebaut werden. Der Stadtrat und die Bürger streiten heftig um die Wiedereröffnung der Eisenbahnstrecke nach Sulingen und Hannover. Eine Bürgerinitiative kämpft gegen den Neubau einer Eisenbahntrasse nach Vechta. Zur Sommersaison eröffnet die fünfte „Bike und Bett“ Privatpension für Radtouristen in Diepholz. Der Wirtschaftsförderer gibt zu dem Thema laufend Fortbildungen.

7. Kennen Sie den Nationalen Radverkehrsplan 2002-2012? Die Bundesregierung hat ihn im Jahre 2002 zur Förderung des Radfahrens beschlossen.

Ich habe mir ihn erst auf Ihre Interview-Anfrage hin besorgt. Er bestätigt mich in meiner Meinung, das der Radverkehr bevorzugt behandelt werden muß, damit er gleichwertig sein kann. Die Radfahrer und Fußgänger wurden über jahrzehnte benachteiligt. Da gilt es viel auf zu holen. Der Nationale Radverkehrsplan kommt mir aber etwas zu zahm daher. Die Ziele müssen ehrgeiziger sein, sind aber ein Anfang. Zur Finanzierung bräuchte man ein Instrument wie die Einspeisevergütung bei den erneuerbaren Energien. Am besten eine Luxussteuer auf PS-starke Wagen.

8. Möchte auch Ihre Fraktion den Radverkehr fördern?

Man muß Radfahrern und Fußgängern Angebote machen, dann wird der Radverkehr auch zunehmen. Bestes Beispiel ist die Eisenbahnbrücke am Heeder Triftweg. Die Strasse war für Radfahrer oder Fußgänger ohne Radweg nur unter Lebensgefahr zu benutzen. Deshalb tat es auch kaum jemand. Wenn ich jetzt dort lang fahre begegnet mir fast immer ein Radfahrer.

Aus Gesundheits-, Umweltschutz-, Klimaschutzgründen und weil die Lebensqualität durch weniger Autos in der Stadt steigt befürworten wir die Förderung des Radverkehrs uneingeschränkt.

9. Wie steht Ihre Fraktion zum Radwegekonzept der Stadt Diepholz?

Wir haben in Diepholz die Chance ein Netz autofreier Radstrassen nach dem Vorbild Philosophenweg anzulegen. Geplant war so ein Weg von der Fladderstrasse zum Bahnhof. Herr Püschel hat mit seinen Anträgen diese Planung leider zum Teil zunichte gemacht. Sollte es nach der Wahl 2006 Koalitionsgespräche mit uns geben, ist der Bau eines Radweges vom ASB Kindergarten entlang der Lohne bis zum Freibad einer unserer Hauptforderungen. Der Fahrradring in Münster, errichtet auf dem Grundriß der Stadtmauer, ist in dieser Hinsicht vorbildlich und einmalig. Den sollte sich jeder Verkehrsplaner angesehen und erfahren haben.

Die Flüsse in Diepholz sind der Naturschatz der Stadt. Sie sollten innerhalb der Bebauung für die Allgemeinheit mit Radwegen erschlossen werden. Dies fordern wir aktuell beim neuen Fangmeierschen Baugebiet an der Grawiede in Heede.

Diese beiden Komponenten –Radwege entlang der Flüsse und autofreie Radstrassen wie der Philosophenweg sind das Grundgerüst für ein Radwegekonzept in Diepholz. Leider kommen nicht immer politische Mehrheiten dafür zustande.

In der Innenstadt muß mehr Platz für Radfahrer geschaffen werden. Denkbar ist z.B. eine Einbahnstrassenreglung für den westlichen Bereich von Welle- und Bahnhofstraße. Außerdem sollte die Fußgängerzone von 19 bis 9 Uhr für Radfahrer geöffnet werden.

Die Zahlen der Radwegeplans sind grundsätzlich falsch. Zum Beispiel werden potentiell 50 Radfahrten pro Werktag über die Bahnüberführung im Zuge der B 214 angenommen. An manchen Tagen fahre ich allein 8 mal da rüber. Es sind mindestens 300 Radfahrer pro Tag die dort langfahren. Das Potential dürfte aber noch dreimal so groß sein, wenn es sichere Querungsmöglichkeiten in der Hindenburgstrasse und Radwege nach dem Stand der Gesetzgebung an der Hindenburgstrasse gäbe.

10. Welche der dort angesprochenen Maßnahmen sollen Ihrer Meinung nach umgesetzt werden?

Die Maßnahmen 1-10,13,16,17,21-23,30,32,34,37 könnte man nach Klärung von Detailfragen umsetzen. Aber insgesamt ist das zu wenig um den Radverkehr zu fördern.

18 wäre schön gewesen. Für die Stüvenstrasse noch machbar, auch im Hinblick auf den Schulweg zur Schule an der Hindenburgstrasse.

Der Radwegeplan muss dringend überarbeitet werden. Zielsetzung der Planung soll sein: 50 Prozent der Wege sollen in Diepholz mit dem Rad zurückgelegt werden. Dazu brauchen wir auch einen Fahrrad-Förderplan. Der Bau von Radwegen allein reicht nicht.

11. . Welche der dort angesprochenen Maßnahmen sollen Ihrer Meinung nach nicht umgesetzt werden?

Maßnahme 20 ist durch den Bau eines Hochbordweges überflüssig.

31: Die beste und billigste Lösung wäre die komplette Sperrung der Graftlage für Pkw, nördlich Schrott Berg.

33: Die Grünen sind gegen einen Autotunnel. Der zieht Verkehr auf die Bahnhofstrasse und etabliert eine Südumgehung über den Bahnhofsvorplatz. Dort würde der vorhandene zahlreiche Radverkehr mit neuem Autoverkehr konfrontiert. Wir favorisieren eine Brücke für Radfahrer und Fußgänger mit Liften für Alte und Behinderte.

38: Durch das neue Baugebiet wird eine Querungshilfe dringend nötig. Wir favorisieren zusätzlich eine Dunkelampel.

19,35,36,37,11: Die Gestaltung der B214 mit Bremer Eck und der Kreuzung am Hallenbad und der anderen Kreisel wie Auf dem Esch/Stüvenstrasse im Zuge der B51 sind für mich noch offene Fragen. In Lübeck habe ich negative Erfahrungen mit Kreiseln gemacht. Da haben sich kaum Leute zu Fuß rübergetraut. Da sollte erst zusätzlicher Sachverstand eingeholt werden. Wichtig sind dann auch Detailfragen.

14: Der Kreisverkehr ist schlecht gemacht und ein verkehrlicher Mißstand. Viele Anwohner trauen sich kaum darüber, weil sie nicht überblicken aus welcher Richtung gerade ein Auto angeschossen kommt. Bestätigt meine Skepsis zu Kreiseln. Der Zebrastreifen an der Maschstrasse sollte durch eine Dunkelampel ersetzt werden.

12: Diesen Punkt muss man sich ebenfalls in Ruhe ansehen. Bei 10.000 verbleibenden Pkw`s würde ich eher ein Hochboard Radweg bevorzugen.

12. Die Radwegeplanung wurde vor einem Jahr vorgestellt. Wann werden die dort angesprochenen Gefahrenpunkte beseitigt? (Lüderstrasse/Lange Strasse/Hinterstrasse)

Der Runde Tisch Radverkehr sollte einen Antrag an die Stadt stellen, dann könnten sie zügig umgesetzt werden. (Sonst werde ich den Antrag stellen.)

13. Ein wesentlicher Bestandteil des Konzeptes ist die Verkehrsberuhigung in Wohngebieten. Was haben/ was wollen Sie unternehmen um dies zu fördern?

Wir sind zunächst für die Einführung von Tempo 30 für das gesamte Stadtgebiet. Ausnehmen müsste man die großen Stadtstrassen, wie Auf dem Esch, Grafenstrasse, Mollerstrasse. Hinzu kommen Spielstrassen, auf denen nur Schrittgeschwindigkeit zulässig ist. So wie im Moment in Diepholz zögerlich Tempo 30 Zonen errichtet werden, müssen eigentlich nach und nach in geeigneten Bereichen Spiel- und Wohnstrassen entstehen. Das würde unsere Stadt endlich kinderfreundlich machen.

Wenn auf zwanzig vernünftige Autofahrer ein Raser kommt, schickt man seine Kinder lieber doch nicht nach draußen zum Spielen. Es ist besser man kann nicht rasen als dass man nicht rasen darf. Wenn Eltern, Kinder, alte Menschen eigentliche alle Verkehrsteilnehmer wissen, hier an dieser Stelle kann nicht gerast werden, trauen sie sich auch auf die Strasse und damit auf´s Rad.

Daher sind an neuralgischen Punkten Huckel, wie jetzt auf Antrag der Grünen am Schulzentrum entstanden, unerlässlich.

14. Viele in Diepholz vorhandene Radwege entsprechen nicht den rechtlichen Voraussetzungen und es werden auch bei neuen Baumaßnahmen die Richtlinien und Wünsche der Radfahrer nicht berücksichtigt. Wie kann dies zukünftig geändert werden?

Der Bund sollt mehr Geld an die Kommunen geben zum sicheren Ausbau der Radwege. Autobahnen haben wir genug.

Für Sankt Hülfe (B51 vom Heeder Triftweg bis Castendiek) und für die Hindenburgstrasse habe ich den Ausbau nach den neuen rechtlichen Standarts bereits eingefordert. Angeblich verhandelt die Stadtverwaltung mit den Strassenbauverwaltungen über das Thema. Ihre Frage gibt mir Anlass noch einmal nach zu haken.

Diepholz braucht einen Fahrradförderplan. Darin sind alle Zielsetzungen und Vorgaben zur baulichen und sonstigen Förderung des Radverkehrs zusammenzufassen. Dazu gehört dann auch der überarbeitete Radwegeplan. Dieser Förderplan, vom Stadtrat verabschiedet, wäre für die Verwaltung und alle Planvorhaben bindend. Es wäre schön, wenn der Runde Tisch Radverkehr die inhaltliche Grundlage für einen Diepholzer Fahradförderplan legen könnte. Ziel sollte sein, dass 50% aller Wege in Diepholz mit dem Rad zurückgelegt werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

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