Seidenstraße und Tadschikistan – Radreisebericht

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Letzte Aktualisierung: 01.01.2016

Als ich im Dezember 2003 die ADFC-‚Radwelt‘ erhielt und darin die Anzeige des Berliner Reiseveranstalters „biss-Reisen“ über eine Radtour nach Samarkand fand, hatte ich mich unverzüglich angemeldet.

Denn kann man sich einen interessanteren Ort vorstellen, um seine ersten Radkilometer auf asiatischem Boden zu bewältigen? Noch dazu auf einer uralten Handelsstraße – der Seidenstraße?Und so kam es, dass sich am 13.07.2004 neun Radler aus Deutschland und Österreich samt ihren Fahrrädern, Zelten, Schlafsäcken und einer gehörigen Portion Unternehmungslust auf dem Frankfurter Flughafen trafen, um in gut sechs Stunden von Zentraleuropa nach Zentralasian zu fliegen.

Wir kamen früh um 6.00 Uhr Ortszeit in Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans an. Der Zeitunterschied beträgt lediglich drei Stunden. Die Sonne schien und es war um diese Zeit schon sehr warm. Jetzt mussten wir die Warte-schlangen vor den Passkontrollen und Gepäckausgaben „durchstehen“ und wurden keine zwei Stunden später von unserem tadschikischen Reiseleiter Firdaus Schukurow in der Eingangshalle des Flughafens in Empfang genommen, samt Gepäck in einen wartenden Bus verfrachtet und zur nahe gelegenen usbekisch-tadschikischen Grenze gebracht.

Republik Tadschikistan
Einwohner: ca. 6 Mio.
Fläche: 143 100 qkm,
davon 90% Hochgebirge
Hauptstadt: Duschanbe (1 Mio. Ew.)
Geld: Somoni
unabhängig seit: 9. September 1991

Reise-Telegramm

Reisezeitraum:     Juli 2004
Anreise:     Flugzeug von Frankfurt nach Taschkent (Usbekistan)
Veranstalter:     Biss-Reisen, Berlin
Bericht + Fotos:    Rainer Schliesser
Nach den überstandenen Grenzkontrollen wechselten wir in einen „neuen“ Bus, der uns die nächsten drei Wochen sicher und zuverlässig durch Tadschikistan begleiten sollte. So gelangten wir schließlich in eine Touristenbasis am „tadschikischen Meer“, einem schön gelegenen Stausee unweit der Stadt Chudshand. Mittels Baden und Stadtbesichtigung konnten wir uns an das Klima und das Essen gewöhnen.

Letzteres war sehr gesund. Es bestand überwiegend aus frischem, wohlschmeckendem Gemüse und Obst und wurde zusammen mit schwarzem oder grünem Tee oder heißem Wasser mit Nescafe eingenommen. Gegen den hartnäckigen Durst gab es natürlich auch Bier, Wein und Vodka. Das Essen war meist gut verträglich, dennoch hatten einige Teilnehmer gelegentlich mäßige Beschwerden.

Die Tour verlief im Nordwesten Tadschikistans entlang der Hauptstraße M34 von Chudshand nach Pendschikent. Wir machten zwei Abstecher jeweils in südlicher Richtung: von Aini zum Iskandarkulsee (See Alexander der Große) und kurz vor Pendschikent zu den Sieben Seen.

Wir legten dabei ca. 580 km mit dem Rad zurück und mussten zwei hohe Bergpässe überwinden: den Schachristan-Pass mit 3.378m Höhe und den Iskandarkul-Pass mit 2.500m. Die Straßen waren meist nur im Stadtbereich wirklich gut zu befahren, sonst musste immer mit Schlaglöchern, riesigen Spurrillen und fehlendem Asphalt gerechnet werden. Es herrschte meist nur schwacher Verkehr. Allerdings konnte einem schon mal die Luft wegbleiben, wenn man an einer Steigung von einem stinkenden, dicke Rußwolken ausstoßenden Kamas-Laster überholt wurde. Vorsichtig agieren musste man in den Ortschaften, wenn plötzlich Heerscharen von Kindern um und hinter den Radlern herliefen.

Die Bergpässe waren schlicht mit „Material-schändung“ zu bewerten, so dass man sich jederzeit auf seine Bremsen verlassen können mußte. Trotz aller Vorsicht blieb unsere Gruppe von zwei Stürzen nicht verschont. Glücklicherweise gab es aber nur Hautabschürfungen. Die Fahrräder wurden durch selbst mitgebrachtes Werkzeug (hier ist vor allem der Nippelspanner lobend hervorzuheben) und durch allerlei Tricks wieder fahrbar gemacht.

Durchaus lohnend kann aber auch der Blick in den Werkzeugkasten des Begleitbusses sein, wenn man z. B. einen 32er Schlüssel zum Nachziehen des Steuersatzes braucht. Unser Busfahrer Nuri war auf jeden Fall von unseren handwerklichen Improvisationsfähigkeiten tief beeindruckt.

Wir übernachteten entweder in unseren Zelten oder bei Gastfamilien, die mit dem langjährigen Reiseleiter befreundet waren. Dort hatten wir dann meist zwei bis drei Räume und/oder den Garten, um unsere Schlafsäcke auszubreiten.

Da die Radetappen meist nicht sehr lang waren (obwohl sie aufgrund der Straßenverhältnisse einiges an Zeit in Anspruch nahmen), bekamen wir häufig die Möglichkeit, Freunde des Reiseleiters zu besuchen, meist Lehrer (vielfach Deutschlehrer). „Kommen Sie herein, setzen Sie sich, trinken Sie Tee und lassen Sie uns sprechen!“ Fast immer gab es zum Tee Bonbons, Kekse, getrocknete Früchte, frische Melonen, Brot und dann die Aufforderung: „Bleiben Sie heute hier, wir kochen Blov (ein Reis-Gemüse-Gericht) und übernachten Sie hier!“

An den radfreien Tagen konnten wir die Basare in den Städten besuchen oder entlang idyllischer Bergseen Wanderungen unternehmen.

Eines Morgens überraschte uns ein freundliches „Grüaß Aich!“ von der Straße am Berg über unserem Zeltplatz: zwei „echte Biker“ aus Österreich kamen vorbei, die mit ihren Motorrädern Tadschikistan und Afghanistan erkundet hatten.

Den krönenden Abschluss der Tour bildete der Besuch Samarkands. Dazu mussten wir Tadschikistan wieder in Richtung Usbekistan verlassen. Diesmal dauerte die Grenzüberschreitung vier Stunden. Vier Stunden in der prallen Mittagshitze warten und hoffen, dass es voran geht. Aber es hätte schlimmer kommen können, denn aufgrund von Bombenanschlägen in Taschkent am Vortag wurde die usbekische Grenze für Tadschiken geschlossen. Wir wurden gründlich überprüft und registriert und als Nicht-Tadschiken durchgelassen. Glücklicherweise hatte unser Reiseleiter noch einen zweiten Pass, einen russischen. Somit konnte auch er passieren.

In Samarkand kehrten wir erstmals nach fast drei Wochen in ein Hotel mit richtiger Dusche und WC ein. Es war ein ganz ungewohntes Gefühl, beim Sch… wieder zu sitzen. Tags darauf gab es eine Stadtbesichtigung mit den bekanntesten Sehenswürdigkeiten: der Registan mit den Medresen Ulughbek, Tellakari und Shirdar  die Nekropole Schah-i Sinda, die Moschee Bibi Hanim und das Mausoleum Gur-e Amir.

Außerdem hatten wir die Gelegenheit, die Entwürfe einer russischen Mededesignerin bei einer Modenschau in ihrem Atelier anzusehen – und zu kaufen. Schließlich ist Samarkand eine Stadt der Baumwolle und der Seide.

Doch irgendwann geht jede Reise zu Ende. Für uns hieß das, am Dienstag, dem 03.08.2004 um 5.00 Uhr morgens aufzustehen, unser Gepäck in einen Bus zu verladen und die ca. 350 km nach Taschkent zurückzulegen. Im Flughafen konnten wir die zur Verfügung stehenden vier Stunden bis zum Abflug gut gebrauchen, um alle Formalitäten wie Einchecken, Frachtgebühr für die Fahrräder Aushandeln, Sicherheitskontrollen, Zolldeklarationen usw. usw. durchzustehen.

Fazit der Reise:

Im Rückblick läßt sich die Frage „Lohnt sich diese Reise?“ eindeutig bejahen. Natürlich läßt sich darüber streiten, ob man unbedingt mit dem Fahrrad dorthin muß. Denn der Transport bedeutet einen ziemlichen Zusatzaufwand, vor allem wenn man die Zu- und Abreise zum Frankfurter Flughafen mit der Deutschen Bahn AG betrachtet. So wäre ich, obwohl der Flieger aus Taschkent um 19.10 Uhr in Frankfurt landet, erst am nächsten Morgen um 6.00 Uhr in Bremen am Hauptbahnhof angekommen. Aber glücklicherweise gibt es da ja noch die Deutsche Lufthansa AG!

Die Erlebnisse vor Ort, die vielfältigen Kontakte zu den überaus gastfreundlichen Einheimischen, die offene und unvoreingenommene Begegnung mit dem Islam sunnitischer Ausrichtung (wir konnten Moscheen besichtigen und sogar darin beten oder meditieren, wir konnten mit Imamen diskutieren) können einem helfen, sich selbst eine Meinung über die Welt zu bilden, ohne auf irgendwelche verkürzten oder durch gefärbte Brillen gesehene Berichte anderer angewiesen und ihnen ausgeliefert zu sein.

Wer also Lust auf exotische Länder mit uralten Kulturen hat und dabei sich in einer wüstenhaften Bergwelt unter Verzicht auf den bei uns üblichen Luxus bewegen möchte, dem sei die Reise wärmstens empfohlen.

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